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Warnungen & Rückrufe

Nutri-Score im Praxistest: Was der Marktcheck Hülsenfrüchte wirklich zeigt

Kurz gesagt: Die Verbraucherzentralen haben im Oktober 2026 einen bundesweiten Marktcheck zu Fertiggerichten mit Hülsenfrüchten veröffentlicht. Von 221 bewertbaren Produkten erhielten fast die Hälfte ein Nutri-Score „A“ oder „B“ – doch hohe Salzgehalte verhinderten bei vielen Produkten eine noch bessere Einstufung. Gleichzeitig zeigt eine neue Studie in Nature Metabolism (5. Oktober 2026), dass der Nutri-Score den Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln nicht abbildet – ein blinder Fleck, den du beim Einkauf kennen solltest.

Was hat der Marktcheck der Verbraucherzentralen genau untersucht?

Die Verbraucherzentralen haben im Frühjahr 2026 bundesweit 288 Produkte untersucht – konkret Eintöpfe, Suppen und Fertigmahlzeiten mit Hülsenfrüchten. Am häufigsten waren Bohnen, Erbsen und Linsen enthalten, gefolgt von Kichererbsen und Sojabohnen. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse am 21./22. Oktober 2026 über das Portal der Verbraucherzentrale Bundesverband sowie der Landesverbraucherzentralen.

Im Mittelpunkt standen die Zusammensetzung, der Anteil der Hülsenfrüchte, die Nährwerte, Werbeaussagen und die Herkunft der verwendeten Zutaten. Der Anteil der Hülsenfrüchte in den Produkten schwankte erheblich – bei Fertigmahlzeiten lag er zwischen 0,8 und 64 Prozent. Das bedeutet: Zwei Produkte, die auf der Verpackung gleich klingen, können inhaltlich Welten voneinander trennen. Ein Blick in die Zutatenliste lohnt sich also fast immer.

Wie schneidet der Nutri-Score bei Hülsenfrüchte-Fertiggerichten ab?

Bei 221 der untersuchten Produkte konnte der Nutri-Score beurteilt werden – entweder war er auf dem Etikett zu finden oder die Verbraucherzentralen konnten ihn anhand der Nährwertkennzeichnung berechnen. Fast die Hälfte (107 Produkte) erhielt die Bewertung „A“ oder „B“, die anderen 113 Fertiggerichte wurden mit „C“ bewertet. Kein einziges Produkt landete bei „E“, nur ein einziges bei „D“. Für eine Produktgruppe, die oft als eher schwer und kalorienreich gilt, ist das ein bemerkenswertes Ergebnis.

Was bremst die Bewertungen nach oben? Ein Wermutstropfen war der hohe Salzgehalt der untersuchten Produkte, der im Schnitt bei 0,9 Gramm pro 100 Gramm lag – und bei vielen Produkten einen besseren Nutri-Score verhinderte. Eine Portion Eintopf deckt damit fast zwei Drittel der empfohlenen Tageshöchstmenge an Salz. Der Nutri-Score berücksichtigt den Salzgehalt als negativen Faktor in seiner Berechnung – das macht ihn in diesem Fall zu einem nützlichen Warnsignal.

Das Kennzeichnungssystem bewertet bei einem Lebensmittel Zucker, Fett, Salz, Ballaststoffe, Proteine sowie Anteile an Obst und Gemüse jeweils pro 100 Gramm und bildet daraus einen Gesamtwert auf einer fünfstufigen Skala von „A“ (dunkelgrün) bis „E“ (rot). Der Nutri-Score ist in Deutschland freiwillig – die Hersteller können ihn, müssen ihn aber nicht abbilden. Die Hersteller von 124 Produkten bildeten ihn freiwillig ab. Für die restlichen Produkte berechneten die Verbraucherzentralen den Wert selbst anhand der Pflichtkennzeichnung.

Was sagen die Befunde zum Proteingehalt?

„Der Proteingehalt stand fast immer in einem guten Verhältnis zum Energiegehalt“, erklärte Constanze Rubach, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen. So erfüllten 263 Gerichte (91 Prozent) die Vorgaben der Health-Claims-Verordnung für die Auslobung „Proteinquelle“ – für diese Bezeichnung müssen mindestens 12 Prozent des Energiegehaltes aus Proteinen stammen. Mehr als die Hälfte aller Fertiggerichte galt sogar als „proteinreich“.

Trotzdem nutzten die meisten Hersteller diese Chance auf der Packung nicht. Obwohl 91 Prozent der untersuchten Produkte die Vorgaben für die Auslobung als Proteinquelle erfüllen, nutzen nur 44 von 288 Herstellern diese Werbemöglichkeit auf der Verpackung. Für dich als Verbraucher:in bedeutet das: Du findest reichlich Eiweiß in Hülsenfrüchte-Fertiggerichten, auch wenn die Packung dazu schweigt – ein Blick in die Nährwerttabelle auf der Rückseite genügt.

Neben dem Proteingehalt fielen auch die Ballaststoffwerte positiv auf: 125 Produkte erfüllten die Vorgaben für eine Ballaststoffquelle oder galten als ballaststoffreich. Ballaststoffe tragen zur normalen Darmfunktion bei und sind in der deutschen Bevölkerung im Durchschnitt unterversorgt – Hülsenfrüchte gelten hier als besonders wertvolle Quelle.

Wo liegen die Grenzen des Nutri-Scores – und was zeigt die neue Nature-Metabolism-Studie?

Der Marktcheck zeigt den Nutri-Score von seiner nützlichen Seite: als schnellen Anhaltspunkt im Regalvergleich. Doch das Label hat bekannte Grenzen. Stephanie Wetzel vom Verbraucherzentrale Bundesverband erklärte, dass ein grünes „A“ nicht automatisch die beste Wahl darstelle, da Zusatzstoffe und der Verarbeitungsgrad in der Kennzeichnung nicht abgebildet werden. Die Stärke des Nutri-Scores liege vor allem im direkten Vergleich ähnlicher Produkte innerhalb einer Kategorie.

Genau an dieser Stelle setzt eine aktuelle Studie an, die am 5. Oktober 2026 im Fachjournal Nature Metabolism erschienen ist. Weltweit haben sich Ernährungsmuster hin zu mehr ultrahochverarbeiteten Lebensmitteln (UPF) verschoben, was mit einer höheren Krankheitslast in Verbindung gebracht wird. Ein diskutierter Mechanismus sind veränderte Reaktionen nach der Nahrungsaufnahme im Vergleich zu nährwertähnlichen, weniger verarbeiteten Speisen. Ein Forschungsteam untersuchte in einer randomisierten Crossover-Studie mit 57 gesunden normalgewichtigen Erwachsenen die Auswirkungen des Verarbeitungsgrades auf den Stoffwechsel und die Gehirnreaktionen.

Die Studie zeigte, dass trotz nährwertlich vergleichbarer Mahlzeiten die ultrahochverarbeiteten Speisen stärkere Insulinreaktionen und einen höheren Energieverbrauch auslösten sowie eine abgeschwächte Kohlenhydratoxidation im Vergleich zur nicht ultrahochverarbeiteten Mahlzeit. Die Mahlzeiten wurden laut den Forschenden innerhalb von einem Prozent für alle wesentlichen Nährwerte – Kalorien, Kohlenhydrate, Fette, Proteine, Ballaststoffe, Wasser und Salz – aufeinander abgestimmt. Das macht den Befund besonders bemerkenswert: Die reinen Nährwerte auf dem Etikett erklären die unterschiedlichen Körperreaktionen offenbar nicht vollständig.

Was bedeutet das für den Nutri-Score? Das Label berechnet seinen Wert ausschließlich auf Basis der Nährwertangaben pro 100 Gramm – also genau jener Größen, die in dieser Studie zwischen beiden Mahlzeiten kaum unterschiedlich waren. Eine Analyse von mehr als 13.000 Produkten auf dem italienischen Markt zeigte zwar, dass fast zwei Drittel der ultrahochverarbeiteten Waren im Nutri-Score mit D oder E bewertet wurden, wobei Snacks am schlechtesten abschnitten – dennoch gibt es also durchaus ultrahochverarbeitete Produkte, die einen guten Nutri-Score erhalten. Das System kann den Verarbeitungsgrad prinzipiell nicht direkt messen. Wer sich also für den Grad der Verarbeitung interessiert, findet in der Ernährungswissenschaft das NOVA-Klassifikationssystem als Ergänzung – es teilt Lebensmittel nach ihrem Verarbeitungsgrad in vier Gruppen ein, unabhängig vom Nährwertprofil.

Was bedeutet das für deinen Einkauf?

Der Marktcheck gibt dir konkrete Orientierung:

  • Hülsenfrüchte-Fertiggerichte liefern oft überraschend viel Protein und Ballaststoffe – auch wenn die Verpackung nicht damit wirbt. Vergleiche die Nährwerttabelle.
  • Der Nutri-Score hilft beim Vergleich ähnlicher Produkte innerhalb einer Kategorie. Fast die Hälfte der bewertbaren Produkte erhielt „A“ oder „B“ und ist damit im Vergleich zu ähnlichen Produkten eine recht ausgewogene Wahl.
  • Achte auf den Salzgehalt – der durchschnittliche Salzgehalt der untersuchten Produkte lag bei 0,9 Gramm pro 100 Gramm, was bei einer typischen Portionsgröße schnell zu einer erheblichen Tagesmenge addiert.
  • Die Herkunft der Hülsenfrüchte bleibt meist unklar. Für mehr Klarheit haben die Verbraucherzentralen bei 62 Herstellern nachgehakt, woher die verwendeten Hülsenfrüchte stammen. Das Ergebnis aus sechs Rückmeldungen: Nur vereinzelt waren die Hülsenfrüchte aus Deutschland. Mehr als die Hälfte der Hülsenfrüchte kommt aus EU-Ländern.
  • Der Nutri-Score ersetzt nicht die Zutatenliste: Wer den Verarbeitungsgrad eines Produkts einschätzen möchte, sollte auch die Länge der Zutatenliste und die Art der verwendeten Zutaten im Blick behalten.

Insgesamt zeigt der Marktcheck: Hülsenfrüchte-Fertiggerichte sind ernährungsphysiologisch besser als ihr Ruf – aber das Gesamtbild ergibt sich erst, wenn du Nutri-Score, Nährwerttabelle und Zutatenliste gemeinsam betrachtest. Passende Hintergrundinformationen zu Hülsenfrüchten als Lebensmittel und ihre Nährwertprofile findest du hier auf kalorien.info. Wer seinen eigenen täglichen Salzbedarf im Blick behalten möchte, kann dazu unseren Ernährungsrechner nutzen.

Was die Studie nicht zeigt

Die Nature-Metabolism-Studie (Hutelin et al., Oktober 2026) ist eine randomisierte Crossover-Studie, aber mit wichtigen Einschränkungen: Die Autoren betonen, dass die Studie eine einzige Testmahlzeit mit rund 300 Kilokalorien bei jungen, gesunden Freiwilligen nutzte und breitere Untersuchungen erforderlich sind, um kumulative Effekte über größere Mahlzeiten, längere Ernährungsstudien und Bevölkerungsgruppen mit bestehenden Stoffwechselstörungen zu bewerten. Außerdem enthielt die ultrahochverarbeitete Mahlzeit mehr Zusatzstoffe, und während die Studie den Gesamtballaststoffgehalt maß, erfasste sie nicht explizit die physikalischen und chemischen Strukturen der untersuchten Lebensmittel. Aus einer einzigen Studie lässt sich kein abschließendes Urteil über den Nutri-Score ableiten. Der Marktcheck der Verbraucherzentralen ist zudem kein repräsentatives Abbild aller Fertiggerichte auf dem deutschen Markt, sondern eine Stichprobe vom Frühjahr 2026. Beobachtete Zusammenhänge – etwa zwischen Salzgehalt und Nutri-Score-Note – belegen keine Kausalität und sagen nichts über individuelle Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel aus. Bei spezifischen Erkrankungen, Schwangerschaft oder der Einnahme von Medikamenten empfehlen wir, ärztlichen oder ernährungstherapeutischen Rat einzuholen.

Häufige Fragen

Wie funktioniert der Nutri-Score genau?

Der Nutri-Score berechnet für jedes Lebensmittel einen Gesamtwert auf Basis der Nährwertangaben pro 100 Gramm. Negativ gewertet werden Energie, Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz. Positiv gewertet werden Ballaststoffe, Proteine sowie Anteile an Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten. Das Ergebnis wird als Buchstabe (A–E) auf einer Farbskala von dunkelgrün bis rot dargestellt. In Deutschland ist die Kennzeichnung freiwillig.

Warum ist ein hoher Salzgehalt im Nutri-Score schlecht?

Salz (Natriumchlorid) zählt zu den negativ gewichteten Nährwerten im Nutri-Score-Algorithmus. Je mehr Salz ein Produkt pro 100 Gramm enthält, desto höher fällt der Negativpunktestand aus – das kann eine bessere Buchstabennote verhindern. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Erwachsene eine maximale Zufuhr von 6 Gramm Salz am Tag.

Bildet der Nutri-Score den Verarbeitungsgrad eines Lebensmittels ab?

Nein. Der Nutri-Score basiert ausschließlich auf Nährwertangaben und berücksichtigt weder Zusatzstoffe noch den Grad der industriellen Verarbeitung. Eine ergänzende Orientierung bietet das NOVA-Klassifikationssystem, das Lebensmittel in vier Verarbeitungsgrade einteilt. Beide Systeme schließen sich nicht aus, messen aber verschiedene Aspekte der Lebensmittelqualität.

Sind Hülsenfrüchte-Fertiggerichte eine gute Wahl für die Alltagsernährung?

Der Marktcheck der Verbraucherzentralen zeigt, dass viele dieser Produkte hinsichtlich Protein- und Ballaststoffgehalt gut abschneiden. Kritisch zu beachten ist der oft hohe Salzgehalt. Wer regelmäßig Fertiggerichte isst, sollte zusätzlich auf die Zutatenliste achten und den Salzgehalt im täglichen Gesamtkontext berücksichtigen. Bei Vorerkrankungen wie Bluthochdruck empfiehlt sich ärztliche Beratung.

Quellen und Stand

  1. Verbraucherzentrale Bundesverband: Fertiggerichte mit Hülsenfrüchten – Was steckt drin? Marktcheck (8. Oktober 2026, aktualisiert 21. Oktober 2026). verbraucherzentrale.de
  2. Hutelin Z. et al.: Metabolic and neural responses to ultraprocessed foods: a randomized, controlled, crossover study. Nature Metabolism (5. Oktober 2026), DOI: 10.1038/s42255-026-01619-4. nature.com

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