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Eiweiß im Alltag

Eiweiß ab 65: Brauchen Ältere mehr?

Von Redaktion kalorien.info · Stand: 01.10.2026 · Prüfstatus: redaktionell geprüft, nicht extern fachlich geprüft (was das heißt)

Kurz gesagt: Das ist fachlich offen. Die DGE nennt für Menschen ab 65 einen Schätzwert von 1,0 g Eiweiß je Kilogramm Körpergewicht, die ESPEN 1,0 bis 1,2 g, die EFSA bleibt bei 0,83 g. Ohne Training bringt mehr Eiweiß gesunden Älteren in Studien keine zusätzlichen Muskeln. Bei Krankheit, Gebrechlichkeit oder ungewolltem Gewichtsverlust gehört die Menge in ärztliche Hand.

Gemalter Frühstückstisch mit einer Schale Quark, Beeren, Vollkornbrot und einer Tasse Tee
Illustration · symbolisch, keine Mengenangabe

Auf einen Blick

Eiweißempfehlungen für gesunde Menschen ab 65 Jahren
StelleWert je kg und TagArt des Werts
EFSA (Europa)0,83 gReferenzzufuhr, gleich wie für Jüngere
DGE/ÖGE (D, A)1,0 gSchätzwert
ESPEN (klinische Ernährung)1,0 bis 1,2 gEmpfehlung für gesunde Ältere
DVO-Osteoporose-Leitliniemindestens 1,0 gbei erhöhtem Knochenbruchrisiko

Für kranke, mangelernährte oder gebrechliche Menschen nennen Fachgesellschaften höhere Mengen. Diese werden individuell festgelegt und sind nicht zum Selbstrechnen gedacht.

Was empfehlen die Fachstellen ab 65?

Drei Stellen, drei Antworten – alle zwischen 0,83 und 1,2 g je Kilogramm. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) geben für Menschen ab 65 einen Schätzwert von 1,0 g an (Richter et al. 2019). Die europäische Fachgesellschaft für klinische Ernährung (ESPEN) empfiehlt mindestens 1,0 g und für gesunde Ältere 1,0 bis 1,2 g (Volkert et al. 2019). Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA dagegen setzt für alle Erwachsenen, auch für Ältere, 0,83 g an (EFSA 2017).

Dazu kommt eine Leitlinie mit engerem Blickwinkel: Die deutsche Osteoporose-Leitlinie empfiehlt Menschen ab 65 mit erhöhtem Bruchrisiko eine eiweißreiche Kost mit mindestens 1,0 g je Kilogramm (DVO-Leitlinie 2023).

Was heißt das in Gramm? Bei 70 kg liegen die Werte zwischen rund 58 g (EFSA) und 70 bis 84 g (ESPEN). Der Abstand ist also überschaubar, gemessen an dem, was die meisten ohnehin essen. Wie die Werte für jüngere Erwachsene aussehen, steht im Überblick Eiweiß im Alltag.

Warum kommen sie zu verschiedenen Zahlen?

Weil die Daten eine klare Antwort nicht hergeben. Die DGE schreibt selbst, dass sich der Bedarf Älterer nicht mit wünschenswerter Genauigkeit bestimmen lässt, und nennt deshalb einen Schätzwert statt eines Referenzwerts. Die EFSA sieht keine ausreichende Grundlage, für Ältere mehr anzusetzen als für Jüngere.

Für einen höheren Wert sprechen vor allem Beobachtungen: In Studien sind Ältere mit einer Zufuhr ab etwa 1,0 bis 1,2 g/kg im Schnitt körperlich leistungsfähiger als solche mit weniger (Geirsdóttir & Pajari 2023). Ob das am Eiweiß liegt, ist offen. Wer gesund ist, guten Appetit hat und genug Geld für Lebensmittel, isst eben oft auch mehr Eiweiß – die Ursache könnte genauso gut umgekehrt laufen.

Hilft mehr Eiweiß gegen Muskelschwund?

Allein kaum, zusammen mit Training vielleicht ein wenig. Der wirksamste Schutz für Muskeln ist ihr Gebrauch. Der Abbau beginnt früher, als viele denken: Ab etwa 50 schwinden laut der europäischen Arbeitsgruppe zur Sarkopenie jährlich 1 bis 2 Prozent der Beinmuskulatur, bei der Kraft sind es 1,5 bis 5 Prozent (Cruz-Jentoft et al. 2019).

Wird der Verlust zur Krankheit, sprechen Fachleute von Sarkopenie. Nach der europäischen Definition steht dabei die Muskelkraft im Mittelpunkt, nicht das Gewicht oder das Aussehen: Wahrscheinlich ist eine Sarkopenie bei geringer Kraft, bestätigt wird sie, wenn zusätzlich Muskelmenge oder -qualität gering sind. Wie häufig das ist, hängt stark von der Definition ab; eine weltweite Auswertung kam bei Menschen ab 60 auf 10 bis 27 Prozent (Petermann-Rocha et al. 2022).

Gegen diesen Verlust ist Krafttraining klar belegt. Zwei- bis dreimal pro Woche ausgeführt, steigert es bei Älteren die Kraft deutlich, und Alltägliches wie das Hochkommen aus einem Sessel fällt leichter (Liu & Latham 2009). Wie du anfangen kannst, erklärt der Artikel Muskeln ab 40 erhalten und aufbauen.

Wann reicht eine Zahl nicht mehr aus?

Sobald sich der Körper spürbar verändert. Wer öfter stürzt, sich zunehmend kraftlos fühlt, langsamer geht, sich schwer aus dem Stuhl hochstemmen kann oder ohne Absicht Gewicht oder Muskeln verliert, zeigt Zeichen, bei denen die europäische Sarkopenie-Arbeitsgruppe eine Abklärung empfiehlt (Cruz-Jentoft et al. 2019). Die Hausarztpraxis hat dafür einfache Tests, etwa für die Handkraft oder das Aufstehen vom Stuhl.

Auch eine Mangelernährung zeigt sich nicht immer auf der Waage. Die europäische Leitlinie zur Ernährung im Alter empfiehlt, alle älteren Menschen regelmäßig mit einem geprüften Fragebogen darauf zu untersuchen, ausdrücklich auch Übergewichtige (Volkert et al. 2019). Typische Ursachen sind dort aufgezählt: Probleme beim Kauen oder Schlucken, eingeschränkte Beweglichkeit, Gedächtnisprobleme, gedrückte Stimmung, Einsamkeit, wenig Geld, akute Krankheiten, Schmerzen oder Nebenwirkungen von Medikamenten wie ein trockener Mund. Zu jeder Ursache gibt es Hilfen, von der Zahnbehandlung bis zum gemeinsamen Mittagstisch.

Wie kommt im Alltag genug Eiweiß zusammen?

Mit gewöhnlichen Lebensmitteln, über den Tag verteilt, wie es schmeckt. Wenn der Appetit nachlässt und insgesamt weniger auf dem Teller landet, lohnt es sich, eiweißreiche Bestandteile bewusst einzuplanen: Bei weniger Energie muss Eiweiß einen größeren Anteil haben, damit die gleiche Menge erreicht wird (Geirsdóttir & Pajari 2023).

Praktische Bausteine sind Quark, Joghurt und Käse, Eier, Hülsenfrüchte, Fisch und Fleisch, Tofu und auch Vollkornbrot und Haferflocken. Viele davon sind weich, leicht zu kauen und günstig; welche besonders viel Eiweiß fürs Geld liefern, zeigt der Artikel günstige Eiweißquellen. Ob das Eiweiß morgens, mittags oder abends gegessen wird, scheint nach den bisherigen Studien weniger wichtig zu sein als die Gesamtmenge und das Training. Was die Forschung zu einem langen, gesunden Leben insgesamt belegen kann, ordnet der Artikel Longevity ein.

Mehr dazu im Buch: Im Kapitel „Protein, Muskeln und Bewegung“ von „Gut essen. Klar entscheiden.“ geht es auch darum, was Krafttraining und Eiweiß im Alter jeweils beitragen.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter brauche ich mehr Eiweiß?

Die DGE setzt ihren höheren Schätzwert ab 65 Jahren an. Für die Lebensmitte zwischen 40 und 65 nennen EFSA und DGE denselben Wert wie für jüngere Erwachsene.

Sind Trinknahrung oder Eiweißpulver für Ältere sinnvoll?

Für gesunde Ältere mit normalem Appetit gibt es dafür keinen belegten Grund. Bei Mangelernährung oder Krankheit kann Trinknahrung Teil einer Behandlung sein – das entscheiden Ärztin, Arzt oder Ernährungsfachkraft.

Schadet mehr Eiweiß den Nieren älterer Menschen?

Bei gesunden Nieren zeigen Studien keinen messbaren Schaden durch höhere Mengen. Mit zunehmendem Alter sind Nierenerkrankungen aber häufiger; wer eine kennt oder vermutet, klärt die Eiweißmenge ärztlich.

Woran merke ich, dass meine Muskeln nachlassen?

Typische Zeichen sind Mühe beim Aufstehen, Treppensteigen oder Tragen, langsameres Gehen und häufigere Stürze. Ansprechen lässt sich das in der Hausarztpraxis, wo es einfache Kraft- und Funktionstests gibt.

Quellen und Stand

  1. Richter M et al. (2019): Revised Reference Values for the Intake of Protein. Ann Nutr Metab 74:242–250. doi:10.1159/000499374
  2. Volkert D et al. (2019): ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr 38:10–47, Recommendations 2, 5, 10. doi:10.1016/j.clnu.2018.05.024
  3. EFSA (2017): Dietary reference values for nutrients. Summary report, S. 19. doi:10.2903/sp.efsa.2017.e15121
  4. Dachverband Osteologie (2023): S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose, Version 2.1. AWMF 183-001. register.awmf.org
  5. Geirsdóttir ÓG, Pajari AM (2023): Protein – a scoping review for Nordic Nutrition Recommendations 2023. Food Nutr Res 67. doi:10.29219/fnr.v67.10261
  6. Tieland M et al. (2017): The Impact of Dietary Protein or Amino Acid Supplementation on Muscle Mass and Strength in Elderly People. J Nutr Health Aging 21:994–1001. doi:10.1007/s12603-017-0896-1
  7. Nunes EA et al. (2022): Systematic review and meta-analysis of protein intake to support muscle mass and function in healthy adults. J Cachexia Sarcopenia Muscle 13:795–810. doi:10.1002/jcsm.12922
  8. Bhasin S et al. (2018): Effect of Protein Intake on Lean Body Mass in Functionally Limited Older Men. JAMA Intern Med 178:530–541. doi:10.1001/jamainternmed.2018.0008
  9. Morton RW et al. (2018): Effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. Br J Sports Med 52:376–384. doi:10.1136/bjsports-2017-097608
  10. Cruz-Jentoft AJ et al. (2019): Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age Ageing 48:16–31. doi:10.1093/ageing/afy169
  11. Petermann-Rocha F et al. (2022): Global prevalence of sarcopenia and severe sarcopenia. J Cachexia Sarcopenia Muscle 13:86–99. doi:10.1002/jcsm.12783
  12. Liu CJ, Latham NK (2009): Progressive resistance strength training for improving physical function in older adults. Cochrane Database Syst Rev CD002759. doi:10.1002/14651858.cd002759.pub2
  13. Sherrington C et al. (2019): Exercise for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database Syst Rev CD012424. doi:10.1002/14651858.cd012424.pub2

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