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Lebensmittel & Nährwerte

Hochverarbeitete Lebensmittel: was der Begriff taugt und wie du sie erkennst

Von Redaktion kalorien.info · Stand: 03.10.2026 · Prüfstatus: redaktionell geprüft, nicht extern fachlich geprüft (was das heißt)

Kurz gesagt: Hochverarbeitete Lebensmittel sind nach der NOVA-Einteilung industrielle Rezepturen mit Zutaten, die in der Küche kaum vorkommen, etwa Glukosesirup, Proteinisolate, Aromen oder Emulgatoren. In Beobachtungsstudien geht ein hoher Anteil mit mehr Krankheiten einher. Ob die Verarbeitung selbst die Ursache ist, ist offen, und der Begriff ist unter Fachleuten umstritten.

Gemaltes Vorratsregal: links frisches Gemüse, Eier, Mehl und Haferflocken, rechts unbeschriftete bunte Schachteln und Tüten
Illustration · symbolisch, keine Mengenangabe

Auf einen Blick

Die vier NOVA-Gruppen mit Beispielen
NOVA-GruppeWas dazugehörtBeispiele
1 unverarbeitet oder gering verarbeitetLebensmittel, höchstens geputzt, getrocknet, gemahlen, gekühlt, pasteurisiertGemüse, Obst, Eier, Milch, Haferflocken, Nüsse, Hülsenfrüchte
2 verarbeitete Küchenzutatenaus Lebensmitteln gewonnene Zutaten zum KochenÖl, Butter, Zucker, Salz
3 verarbeitete LebensmittelGruppe 1 plus Zutaten aus Gruppe 2, haltbar gemachtGemüsekonserven, Käse, frisches Brot aus wenigen Zutaten
4 hochverarbeitetindustrielle Rezepturen mit in der Küche unüblichen Stoffen oder „kosmetischen“ ZusatzstoffenSoftdrinks, Chips, Fertiggerichte, Wurstwaren, viele abgepackte Brote und Joghurts

Einteilung nach Monteiro et al. 2019, vereinfacht.

Was sind hochverarbeitete Lebensmittel?

Der Begriff stammt aus der NOVA-Klassifikation, die eine Forschungsgruppe um den brasilianischen Ernährungswissenschaftler Carlos Monteiro entwickelt hat. Sie ordnet Lebensmittel nicht nach Nährstoffen, sondern nach Art und Zweck der Verarbeitung in vier Gruppen. Die vierte Gruppe, auf Englisch „ultra-processed foods“, beschreibt sie als Formulierungen, die überwiegend oder ganz aus Stoffen bestehen, die aus Lebensmitteln gewonnen oder chemisch verändert wurden, häufig ergänzt um Zusatzstoffe, die Geschmack, Farbe oder Konsistenz verändern (Monteiro et al. 2019).

Wichtig ist der Unterschied zur bloßen Verarbeitung. Kochen, Einfrieren, Fermentieren oder Konservieren machen ein Lebensmittel nicht automatisch „hochverarbeitet“. Tiefkühlgemüse gehört in Gruppe 1, eine Dose Bohnen oder ein Bäckerbrot aus Mehl, Wasser, Salz und Hefe in Gruppe 3. Entscheidend für Gruppe 4 ist die Rezeptur: Sie enthält Bestandteile, die man zu Hause kaum verwendet.

Wie viel davon gegessen wird, ist erheblich. Nach Angaben der NOVA-Autoren stammt in Ländern wie den USA, Kanada und Großbritannien mehr als die Hälfte der Nahrungsenergie aus hochverarbeiteten Lebensmitteln. Für Deutschland schätzt die DGE, dass laut Nationaler Verzehrsstudie Anfang der 2000er-Jahre etwa die Hälfte der Energie aus verarbeiteten und stark verarbeiteten Lebensmitteln zusammen kam (DGE-Ernährungsbericht, Kapitel 9).

Wie erkennst du hochverarbeitete Lebensmittel?

Am zuverlässigsten an der Zutatenliste. Die NOVA-Autoren schlagen eine einfache Prüfung vor: Steht mindestens ein Stoff darauf, der in Haushaltsküchen kaum vorkommt, oder ein Zusatzstoff, der vor allem Geschmack und Aussehen verändert, gilt das Produkt als hochverarbeitet (Monteiro et al. 2019). Typische Hinweise sind:

  • Zuckerarten aus der Industrie: Glukose-Fruktose-Sirup, Maltodextrin, Dextrose, Fruchtsaftkonzentrat, Invertzucker
  • veränderte Fette: gehärtete oder umgeesterte Öle
  • Eiweißbausteine aus der Fabrik: Proteinisolat, hydrolysiertes Eiweiß, Molkeneiweiß als Zusatz
  • „kosmetische“ Zusatzstoffe: Aromen, Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Emulgatoren, Süßstoffe, Verdickungsmittel

Die Liste lässt sich im Laden gut nutzen, weil Zutaten nach der europäischen Kennzeichnungsverordnung in absteigender Reihenfolge ihres Gewichtsanteils angegeben werden müssen (LMIV, Artikel 18). Steht ein Sirup weit vorne, ist viel davon drin. Was die Nährwerttabelle daneben verrät, erklärt der Artikel Nährwertangaben verstehen. Eine schnelle Faustregel ist die Länge der Liste, sie ersetzt aber nicht das Lesen: Ein Müsli mit zwölf Zutaten aus Getreide, Nüssen und Trockenobst ist nach NOVA nicht hochverarbeitet, ein Erfrischungsgetränk mit fünf Zutaten kann es sein.

Welche Lebensmittel zählen dazu – und welche überraschen?

Erwartbar sind Softdrinks, Chips, Süßigkeiten, Instantsuppen, Fertiggerichte und viele Wurstwaren. Überraschend für viele: Nach NOVA zählen auch abgepacktes Vollkornbrot, Fruchtjoghurt, pflanzliche Fleischalternativen und Säuglingsnahrung zu den hochverarbeiteten Lebensmitteln. Die DGE nennt genau diese Beispiele und schreibt dazu, die Kriterien für diese Zuordnung seien aus wissenschaftlicher Sicht sehr umstritten (DGE 2025).

Daran zeigt sich die größte Schwäche des Begriffs: Er wirft Produkte mit sehr unterschiedlicher Nährstoffqualität in eine Gruppe. Ein Vollkorntoast mit Emulgator und eine gezuckerte Limonade sind beide NOVA 4, haben aber ernährungsphysiologisch wenig gemeinsam. Für den Vergleich innerhalb einer Produktgruppe sind Nährwerte deshalb oft aussagekräftiger als die Gruppenzugehörigkeit; wie kalorien.info das macht, zeigt der Nährwert-Kompass.

Schaden hochverarbeitete Lebensmittel der Gesundheit?

Die Beobachtungsdaten sind auffällig, aber nicht eindeutig. Eine große Übersichtsarbeit fasste 45 Metaanalysen mit fast zehn Millionen Teilnehmenden zusammen. Für 32 von 45 untersuchten Endpunkten fand sie Zusammenhänge zwischen hohem Verzehr und höherem Risiko, etwa für Typ-2-Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Sterblichkeit und psychische Beschwerden. Die Qualität der Evidenz stuften die Autorinnen und Autoren aber überwiegend als niedrig oder sehr niedrig ein (Lane et al. 2024).

Eine große US-Kohorte mit über 100.000 Beschäftigten aus Gesundheitsberufen, die rund 30 Jahre beobachtet wurden, fand bei den höchsten Verzehrmengen ein um 4 Prozent höheres Sterberisiko als bei den niedrigsten. Deutlich waren die Zusammenhänge vor allem bei verarbeiteten Fleischprodukten und bei gesüßten Getränken. Bei gleicher allgemeiner Ernährungsqualität zeigte sich dagegen kein einheitlicher Zusammenhang mit dem Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel (Fang et al. 2024).

Den bislang stärksten Hinweis auf eine Ursache liefert ein kleines, streng kontrolliertes Experiment. Zwanzig Erwachsene lebten vier Wochen in einer Klinik der US-Gesundheitsbehörde NIH und aßen je zwei Wochen hochverarbeitete und unverarbeitete Kost, so viel sie wollten. Beide Kostformen boten ähnlich viele Kalorien und ähnliche Mengen an Zucker, Fett, Ballaststoffen und Salz. Unter der hochverarbeiteten Kost aßen die Teilnehmenden im Mittel rund 500 kcal mehr am Tag und nahmen knapp ein Kilo zu, unter der anderen Kost nahmen sie knapp ein Kilo ab (Hall et al. 2019). Ohne Getränke gerechnet hatten die hochverarbeiteten Speisen allerdings eine deutlich höhere Energiedichte, und schneller gegessen wurde auch. Was genau den Mehrverzehr auslöst, ist deshalb nicht geklärt. Warum Energiedichte so wichtig ist, erklärt der Artikel Energiedichte.

Warum ist der Begriff umstritten?

Weil schon die Zuordnung schwankt. In einer französischen Studie ordneten rund 160 bis 180 Fachleute Lebensmittel den NOVA-Gruppen zu. Die Übereinstimmung war gering, mit einem statistischen Maß (Kappa) von 0,32 bis 0,34; weitgehend einig war man sich nur bei einer Gruppe von 90 Markenprodukten, die fast immer als hochverarbeitet eingestuft wurden (Braesco et al. 2022). Die DGE kommt in ihrem Ernährungsbericht zu dem Schluss, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens über einheitliche, objektive Kriterien für Verarbeitungsgrade gibt, und dass offen ist, was hinter den beobachteten Risiken steckt: die Energiedichte, die veränderte Struktur der Lebensmittel, Stoffe aus der Verarbeitung oder Zusatzstoffe (DGE-Ernährungsbericht, Kapitel 8).

Hinzu kommt, dass sich Untergruppen gegensätzlich verhalten können. Eine Auswertung zu Typ-2-Diabetes fand für Fertiggerichte, Fleischprodukte und gesüßte Getränke meist höhere, für hochverarbeitete Milchprodukte sowie Süßwaren und Snacks dagegen eher niedrigere Risiken. Die Autorinnen und Autoren folgern, dass grobe Sammelbegriffe solche Unterschiede verdecken können (Fridén et al. 2026). Kardiologische Fachgesellschaften halten den Begriff trotzdem für nützlich und empfehlen, im Gespräch nach dem Verzehr zu fragen; sie betonen aber selbst, dass Studien mit harten Endpunkten fehlen (Guasti et al. 2026).

Was heißt das für deinen Einkauf?

Statt alles Abgepackte zu meiden, lohnt ein gezielter Blick auf die Produktgruppen, bei denen die Daten am deutlichsten sind. Praktisch heißt das:

  1. Getränke zuerst. Wasser, ungesüßter Tee oder Kaffee statt Limonade; gesüßte Getränke zeigen in den Studien die beständigsten Zusammenhänge. Mehr dazu im Artikel Kalorien in Getränken.
  2. Wurst und Fleischwaren seltener. Verarbeitetes Fleisch fällt in mehreren Auswertungen auf und bringt zudem viel Salz mit.
  3. Basis aus Gruppe 1 und 3. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Haferflocken, Naturjoghurt, Brot mit kurzer Zutatenliste; Tiefkühlgemüse und Konserven zählen dazu.
  4. Gelassen bleiben bei Grenzfällen. Ein abgepacktes Vollkornbrot mit Emulgator ist kein Grund zur Sorge, wenn der Rest des Speiseplans stimmt.

Wer die Idee „möglichst unverarbeitet“ zur festen Regel macht, landet schnell bei strengen Verboten. Wo das kippen kann, beschreibt der Artikel Clean Eating.

Kalorien, Fett und Salz beliebter Gerichte wie Pizza, Döner und Pommes stehen im Artikel Gerichte.

Häufige Fragen

Gibt es eine Liste hochverarbeiteter Lebensmittel?

Eine verbindliche amtliche Liste gibt es nicht. Typische Beispiele nach NOVA sind Softdrinks, Chips, Süßwaren, Instantsuppen, Fertiggerichte, Wurstwaren, gesüßte Frühstückscerealien und viele abgepackte Brote und Joghurts. Ob ein bestimmtes Produkt dazugehört, zeigt erst die Zutatenliste.

Ist Wurst ein hochverarbeitetes Lebensmittel?

Die meisten Wurstwaren schon, weil sie Zusatzstoffe wie Nitritpökelsalz, Phosphate oder Aromen enthalten. Verarbeitetes Fleisch gehört zudem zu den Produktgruppen, die in Studien am deutlichsten mit höheren Risiken verbunden sind.

Sind Tiefkühlgemüse und Konserven hochverarbeitet?

Nein. Tiefgekühltes Gemüse ohne Soße zählt zu den gering verarbeiteten Lebensmitteln, Gemüse- und Hülsenfruchtkonserven zu den verarbeiteten. Ernährungsphysiologisch sind sie eine gute, günstige Wahl; mehr dazu unter Frisch oder tiefgekühlt?

Sind pflanzliche Fleischalternativen hochverarbeitet?

Nach NOVA meist ja, weil sie Proteinisolate, Aromen und Bindemittel enthalten. Was das für die Gesundheit bedeutet, ist kaum untersucht; die DGE nennt sie ausdrücklich als Beispiel dafür, wie umstritten die Zuordnung ist. Vergleiche im Zweifel die Nährwerte, vor allem Salz und gesättigte Fettsäuren.

Quellen und Stand

  1. Monteiro CA, Cannon G, Levy RB, Moubarac JC, Louzada ML, Rauber F et al. (2019): Ultra-processed foods: what they are and how to identify them. Public Health Nutr 22(5):936–941. doi:10.1017/s1368980018003762
  2. Europäisches Parlament und Rat (2011): Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 (LMIV), Artikel 18. eur-lex.europa.eu
  3. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2025): Hochverarbeitete Lebensmittel im Fokus der DGE-Arbeitstagung. Presseinformation. dge.de
  4. Lane MM, Gamage E, Du S et al. (2024): Ultra-processed food exposure and adverse health outcomes: umbrella review of epidemiological meta-analyses. BMJ 384:e077310. doi:10.1136/bmj-2023-077310
  5. Fang Z, Rossato SL, Hang D et al. (2024): Association of ultra-processed food consumption with all cause and cause specific mortality: population based cohort study. BMJ 385:e078476. doi:10.1136/bmj-2023-078476
  6. Hall KD, Ayuketah A, Brychta R et al. (2019): Ultra-Processed Diets Cause Excess Calorie Intake and Weight Gain: An Inpatient Randomized Controlled Trial of Ad Libitum Food Intake. Cell Metab 30(1):67–77. doi:10.1016/j.cmet.2019.05.008
  7. Braesco V, Souchon I, Sauvant P et al. (2022): Ultra-processed foods: how functional is the NOVA system? Eur J Clin Nutr 76(9):1245–1253. doi:10.1038/s41430-022-01099-1
  8. Behsnilian D, Bröder J, Tauer J, Mayer-Miebach E (2023): Einordnung von Lebensmitteln nach dem Verarbeitungsgrad und Bewertung gängiger Klassifizierungssysteme in der Ernährungsforschung. 15. DGE-Ernährungsbericht, Vorveröffentlichung Kapitel 8. dge.de
  9. Bröder J, Tauer J, Liaskos M, Hieronimus B (2023): Verzehr stark verarbeiteter Lebensmittel und ernährungsmitbedingte Erkrankungen: Eine systematische Übersichtsarbeit. 15. DGE-Ernährungsbericht, Vorveröffentlichung Kapitel 9. dge.de
  10. Fridén M, Mai M, Olsen A, Dahm CC, Ibsen DB (2026): A systematic review of ultra-processed food subtypes and risk of type 2 diabetes, combined with a cohort analysis, question the utility of broad food classifications for public health policy. BMC Med 24(1):488. doi:10.1186/s12916-026-05028-y
  11. Guasti L, Bonaccio M, Abreu A et al. (2026): Ultra-processed foods, lifestyle management, and cardiovascular diseases: A clinical consensus statement of the European Society of Cardiology. Eur Heart J 47(27):3456–3473. doi:10.1093/eurheartj/ehag226

Quellen geprüft bis 03.10.2026.