Nahrungsergänzungsmittel
Folsäure als Nahrungsergänzung: Warum sie bei Kinderwunsch empfohlen wird
Kurz gesagt: Folsäure ist die künstlich hergestellte Form des B-Vitamins Folat, das in grünem Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorn steckt. Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, wird offiziell ein Folsäurepräparat zusätzlich zum Essen empfohlen. Für andere gesunde Erwachsene ist ein Zusatznutzen nicht belegt; die meisten sind laut Blutwerten ausreichend versorgt.

Auf einen Blick
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Referenzwert Erwachsene (DGE, Stand 2015) | 300 µg Folat-Äquivalente am Tag; Schwangere 550 µg, Stillende 450 µg |
| Referenzwert EFSA | 330 µg Folat-Äquivalente am Tag |
| Bei Kinderwunsch (DGE) | zusätzlich ein Folsäurepräparat, mindestens 4 Wochen vor der Schwangerschaft bis Ende des ersten Drittels |
| Höchstmengenvorschlag des BfR für ein NEM | 200 µg Folsäure je Tagesverzehrempfehlung; für Frauen im gebärfähigen Alter und im ersten Schwangerschaftsdrittel 400 µg (Stand 2024) |
| Tolerierbare Obergrenze (EFSA) | 1.000 µg am Tag, nur für zugesetzte Formen |
Die Werte sind offizielle Bezugsgrößen mit Stelle und Stand. Ob und wie lange du ein Präparat nimmst, besprichst du mit deiner Frauenarztpraxis oder Hebamme.
Was ist der Unterschied zwischen Folat und Folsäure?
Folat ist der Sammelbegriff für die natürlich in Lebensmitteln und im Körper vorkommenden Formen des Vitamins. Folsäure heißt die industriell hergestellte Variante, die in Präparaten und angereicherten Lebensmitteln steckt. Der Körper verwertet Folsäure besser als Nahrungsfolat. Deshalb rechnet die DGE in Folat-Äquivalenten: 1 µg Folat-Äquivalent entspricht 1 µg Nahrungsfolat oder 0,5 µg synthetischer Folsäure (DGE, Referenzwerte Folat). Die EFSA arbeitet mit einem ähnlichen Faktor.
Gebraucht wird das Vitamin für Zellteilung und Wachstum und für die Blutbildung. Am deutlichsten werden die Folgen eines Mangels dort, wo besonders viel geteilt wird – in der frühen Entwicklung eines Kindes.
Warum wird Folsäure bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft empfohlen?
Weil eine zu geringe Versorgung in den ersten Schwangerschaftswochen mit einem höheren Risiko für Fehlbildungen von Gehirn und Rückenmark verbunden ist, vor allem für den sogenannten offenen Rücken. Die offiziellen Empfehlungen setzen deshalb schon vor der Schwangerschaft an.
Konkret nennt die DGE in ihren Referenzwerten (Fußnote zum Folat): Wer schwanger werden möchte oder könnte, nimmt neben folatreichem Essen täglich ein Präparat mit 400 µg synthetischer Folsäure oder eine gleichwertige Menge anderer Folate. Anfangen soll man damit spätestens vier Wochen vor der Empfängnis, beibehalten wird es bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels. Das Netzwerk Gesund ins Leben setzt den Start beim Kinderwunsch an, das Ende bei der 12. Schwangerschaftswoche, und hat für einen verspäteten Beginn eigene Regeln (Alaze-Hagemann et al. 2026). Damit gehört Folsäure zu den seltenen Fällen, in denen offizielle Stellen ausdrücklich ein Nahrungsergänzungsmittel nennen.
In manchen Lagen können andere Mengen nötig sein, etwa bei Erkrankungen oder Dauermedikamenten; das entscheidet die Arztpraxis, höher dosierte Präparate gehören in ärztliche Hand. Was sich in Schwangerschaft und Stillzeit sonst an der Ernährung ändert, besprichst du am besten mit Frauenarztpraxis oder Hebamme.
Brauchen andere Erwachsene Folsäuretabletten?
Ohne besonderen Anlass nach heutigem Stand nicht. Die US-Präventionsbehörde USPSTF hat die Studien zu Folsäure bei nicht schwangeren Erwachsenen ausgewertet: In fünf randomisierten Studien hing die Einnahme über zwei bis gut sechs Jahre nicht mit der Sterblichkeit zusammen. In einer zusammengefassten Auswertung fanden sich unter Folsäure sogar etwas häufiger Krebsfälle; diese Studien betrafen allerdings besondere Gruppen, etwa Menschen nach Darmpolypen, weshalb sich der Befund nicht auf alle übertragen lässt (USPSTF 2022).
Wo steckt Folat, und wie gut sind die Deutschen versorgt?
Gute Quellen sind grünes Blattgemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse und Samen, außerdem Orangen, Kartoffeln und Eier. Einige Beispiele, ergänzend zu den Werten in unserer Übersicht zu Vitaminen:
| Lebensmittel, Portion | Folat |
|---|---|
| Grünkohl roh, 110 g (G322100) | 206 µg |
| Haferflocken, 60 g (C133000) | 56 µg |
| Kichererbsen gekocht, 125 g (G770432) | 44 µg |
| Sonnenblumenkerne, 25 g (H430100) | 30 µg |
| Weizenvollkornbrot, 60 g (B111000) | 16 µg |
Auf die Verzehrdaten allein darf man sich beim Folat nicht verlassen. Im Blut hatten in der bundesweiten Untersuchung 2008 bis 2011 rund 86 Prozent der Erwachsenen einen ausreichenden Folatspiegel, nur gut 3 Prozent einen klinisch relevanten Mangel. Bei Frauen im gebärfähigen Alter lag die große Mehrheit aber unter dem Folatwert in den roten Blutkörperchen, den die WHO für die Vorbeugung von Neuralrohrdefekten anstrebt – daher das Präparat (Mensink et al. 2016).
Anders als über 50 Länder weltweit schreibt Deutschland keine Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure vor; viele Produkte sind freiwillig angereichert, etwa Speisesalz mit Jod, Fluorid und Folsäure, das laut BLS 4.0 je Gramm rund 170 µg Folat-Äquivalente liefert (R113100). Ob eine Pflichtanreicherung sinnvoll wäre, ist unter Fachleuten umstritten: Modellrechnungen zeigen, dass erst eine breite, hohe Anreicherung die Zufuhr deutlich hebt und zugleich mehr Menschen über die Obergrenze bringt (Martiniak et al. 2015; Herrmann & Obeid 2011). Wie Pflanzen- und Mischkost sich bei solchen Nährstoffen unterscheiden, zeigt der Artikel vegetarische Ernährung.
Kann zu viel Folsäure schaden?
Über normales Essen nicht, über Präparate und angereicherte Lebensmittel im Übermaß schon. Die EFSA hat eine tolerierbare Obergrenze von 1.000 µg am Tag für Erwachsene festgelegt; sie gilt nur für zugesetzte Formen wie Folsäure, nicht für das Folat, das natürlich in Lebensmitteln steckt (EFSA 2025). Das BfR schlägt für ein Nahrungsergänzungsmittel höchstens 200 µg Folsäure je empfohlener Tagesmenge vor und für Präparate, die sich an Frauen im gebärfähigen Alter und im ersten Schwangerschaftsdrittel richten, 400 µg (BfR 2025). Wer mehrere Produkte kombiniert, etwa ein Multivitamin, ein Schwangerschaftspräparat und angereicherte Frühstücksflocken, sollte die Mengen zusammenzählen lassen – in der Apotheke geht das schnell.
Was darf auf der Packung stehen?
Für Folat sind unter anderem diese Angaben zugelassen, wörtlich:
- Zugelassene Angabe (EU-Register, VO (EU) Nr. 432/2012): „Folat trägt zum Wachstum des mütterlichen Gewebes während der Schwangerschaft bei“
- Zugelassene Angabe (EU-Register, VO (EU) Nr. 432/2012): „Folat trägt zu einer normalen Blutbildung bei“
- Zugelassene Angabe (EU-Register, VO (EU) Nr. 432/2012): „Folat hat eine Funktion bei der Zellteilung“
Quelle: VO (EU) Nr. 432/2012, konsolidierte Fassung vom 17.05.2021. Sie beschreiben, was das Vitamin im Körper tut. Die Empfehlung bei Kinderwunsch stützt sich nicht auf diese Werbesätze, sondern auf die Bewertung der Fachgesellschaften.
Welche Gemüse, Hülsenfrüchte und Leber wie viel Folat je Portion liefern, zeigt der Artikel Folatreiche Lebensmittel.
Häufige Fragen
Ab wann sollte ich bei Kinderwunsch Folsäure nehmen?
Nach den offiziellen deutschen Empfehlungen ab dem Kinderwunsch, laut DGE mindestens vier Wochen vor Beginn der Schwangerschaft, und bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels. Die Details besprichst du mit der Frauenarztpraxis.
Reicht eine folatreiche Ernährung in der Schwangerschaft nicht aus?
Für den Schutz vor Neuralrohrdefekten empfehlen die Fachgesellschaften das Präparat zusätzlich zu einer folatreichen Ernährung, nicht stattdessen. Die Blutspiegel, die dafür angestrebt werden, erreichen die meisten Frauen über das Essen allein nicht.
Was bedeutet „Folsäure 5 mg“?
Solche Präparate enthalten ein Vielfaches der üblichen Mengen und werden bei bestimmten medizinischen Situationen eingesetzt. Sie gehören in ärztliche Verordnung, nicht in die Selbstmedikation.
Brauchen Männer Folsäure?
Eine offizielle Empfehlung für Männer gibt es nicht. Wer abwechslungsreich isst, deckt den Referenzwert in der Regel über die Ernährung.
Quellen und Stand
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2026): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Folat (Stand der Ableitung 2015, Fußnote c). dge.de
- EFSA (2017): Dietary reference values for nutrients: Summary report, Abschnitt Folat. doi:10.2903/sp.efsa.2017.e15121
- Alaze-Hagemann F et al. (2026): Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben vor und während der Schwangerschaft. Geburtshilfe Frauenheilkd 86(6):e60–e97. doi:10.1055/a-2827-5905
- US Preventive Services Task Force (2022): Vitamin, Mineral, and Multivitamin Supplementation to Prevent Cardiovascular Disease and Cancer, Abschnitt „Folic Acid With or Without Vitamin B12“. uspreventiveservicestaskforce.org
- Mensink GBM, Weißenborn A, Richter A (2016): Folate status in Germany. J Health Monit 1(2):24–28. doi:10.17886/RKI-GBE-2016-040.2
- Martiniak Y, Heuer T, Hoffmann I (2015): Intake of dietary folate and folic acid in Germany based on different scenarios for food fortification with folic acid. Eur J Nutr 54:1045–1054. doi:10.1007/s00394-014-0781-1
- Herrmann W, Obeid R (2011): The mandatory fortification of staple foods with folic acid: a current controversy in Germany. Dtsch Arztebl Int 108:249–254. doi:10.3238/arztebl.2011.0249
- EFSA (2025): Overview on Tolerable Upper Intake Levels, Version 11. efsa.europa.eu
- Bundesinstitut für Risikobewertung (2025): Höchstmengenempfehlungen des BfR für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln (tabellarische Übersicht), Eintrag Folsäure 2024. bfr.bund.de
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012, konsolidierte Fassung vom 17.05.2021, Anhang, Eintrag Folat. eur-lex.europa.eu
Nährwerte: Max Rubner-Institut (2025): Bundeslebensmittelschlüssel (BLS), Version 4.0 – Deutsche Nährstoffdatenbank. Karlsruhe. DOI 10.25826/Data20251217-134202-0, Lizenz CC BY 4.0. Werte je Portion: eigene Berechnungen von kalorien.info (BLS-Codes G322100, C133000, G770432, H430100, B111000, R113100). Quellen geprüft bis 01.10.2026; ob es eine neuere konsolidierte Fassung der VO (EU) Nr. 432/2012 gibt, ist nicht geprüft.