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Biologisches Alter: Was Tests und Altersuhren messen können und was nicht
Kurz gesagt: Das biologische Alter ist eine Schätzung, wie weit der Körper im Vergleich zum Geburtsjahr gealtert ist, berechnet aus Blutwerten, Erbgut-Markierungen oder Fragebögen. Einen Goldstandard gibt es nicht; verschiedene Verfahren messen Verschiedenes und widersprechen sich. Ob ein Test zeigen kann, dass deine Ernährung dein Altern bremst, ist nach heutigem Stand nicht belegt.

Auf einen Blick
| Verfahren | Grundlage | Grenze |
|---|---|---|
| Online-Fragebogen | Angaben zu Lebensstil und Gesundheit | Formel des Anbieters, keine Messung |
| Index aus Blutwerten | Routine-Laborwerte, Blutdruck | Werte schwanken, Kombination nicht standardisiert |
| epigenetische Uhr | Methylierungsmuster im Erbgut | technische Streuung, nicht als Erfolgsmaß validiert |
Was ist das biologische Alter?
Das biologische Alter ist ein Versuch, den Zustand des Körpers in Jahren auszudrücken. Zwei Menschen mit demselben Geburtsjahr können sehr unterschiedlich fit, krank oder belastbar sein; die Idee ist, diesen Unterschied messbar zu machen. Klingt einleuchtend, hat aber einen Haken: Es gibt keinen Goldstandard dafür, was „biologisch 45“ eigentlich bedeutet (Bell et al. 2019).
Fachleute unterscheiden zwei Arten von Maßen. Die einen schätzen, wie viel Alterung sich bisher angesammelt hat, vergleichbar mit dem Kilometerstand eines Autos. Die anderen schätzen, wie schnell jemand gerade altert, eher wie ein Tacho. Beide können sich widersprechen, und beides ist etwas anderes als die Frage, wie lange jemand leben wird (Moqri et al. 2023).
Wie wird das biologische Alter berechnet?
Je nach Anbieter auf drei sehr verschiedene Arten.
Fragebögen. Viele kostenlose Online-Rechner, auch von Krankenkassen, fragen nach Alter, Gewicht, Bewegung, Rauchen, Schlaf oder Ernährung und rechnen daraus eine Zahl. Das ist eine Einschätzung des Lebensstils in Jahren ausgedrückt, keine Messung am Körper. Welche Gewichtung in die Formel eingeht, legt der jeweilige Anbieter fest. Als Denkanstoß kann so etwas nützlich sein; als Befund nicht.
Blutwerte. Forschende kombinieren Routinewerte wie Blutzucker, Blutfette, Entzündungs- und Nierenwerte sowie den Blutdruck zu einem Index. In der großen Studie zur Kalorienrestriktion beim Menschen stieg ein solcher Index in der Restriktionsgruppe langsamer als in der Kontrollgruppe (Belsky et al. 2017). Das ist ein Befund über einen Rechenwert, nicht über Lebensjahre.
Epigenetische Uhren. Hier wird aus Blut oder Speichel analysiert, an welchen Stellen das Erbgut chemische Markierungen trägt, sogenannte Methylierungen. Die ersten dieser Uhren wurden darauf trainiert, das tatsächliche Alter vorherzusagen. Schon dabei lag die Schätzung in Testdaten im Median um 3,6 Jahre daneben (Horvath 2013); die Abweichung vom Geburtsjahr wird dann als „schnelleres“ oder „langsameres“ Altern gedeutet. Neuere Uhren wurden auf Sterblichkeit oder Alterungstempo trainiert.
Wie genau sind Tests zum biologischen Alter?
Weniger genau, als eine einzelne Zahl suggeriert. Ein Teil der Unschärfe ist rein technisch: Wurde dieselbe Blutprobe zweimal gemessen, lagen sechs verbreitete epigenetische Uhren im Median 0,9 bis 2,4 Jahre auseinander, im Extremfall bis zu 8,6 Jahre (Higgins-Chen et al. 2022). Wer also zweimal testet und einmal „drei Jahre jünger“ erfährt, hat womöglich nur zweimal gemessen.
Dazu kommt die Frage der Bedeutung. Neuere Uhren sagen in großen Kohorten statistisch voraus, wer häufiger erkrankt oder früher stirbt. Das gilt für Gruppen, nicht für einzelne Menschen: Selbst die Entwickler einer solchen Uhr schreiben, dass ein um acht Jahre höherer Wert nicht acht Lebensjahre weniger bedeutet (Lu et al. 2019).
Kann man das biologische Alter senken?
Einen Rechenwert kann man verändern; ob damit mehr gesunde Jahre gewonnen sind, weiß bislang niemand. Für keinen Altersbiomarker ist gezeigt, dass seine Veränderung in Studien als Ersatz für Krankheit, Funktion oder Lebensdauer gelten darf (Moqri et al. 2023).
Wie unsicher die Lage ist, zeigt die bislang wichtigste Studie am Menschen. In der zweijährigen Studie zur Kalorienrestriktion verlangsamte die knappere Kost das mit einer Tempo-Uhr gemessene Altern um etwa 2 bis 3 Prozent. Zwei andere verbreitete Uhren zeigten keinen Unterschied, und die Werte beider Gruppen überlappten sich zu fast 90 Prozent (Waziry et al. 2023). Einordnung dieser Studie im Artikel Kalorienrestriktion.
Noch ein Detail für kritische Leserinnen und Leser: Hinter einigen bekannten Uhren stehen Patente oder Lizenzen, und wer sie entwickelt hat, sitzt nicht selten mit im Autorenteam der Studien, die sie prüfen. Das macht die Ergebnisse nicht falsch. Es ist aber ein guter Grund, auf Bestätigungen durch unabhängige Gruppen zu warten.
Lohnt sich ein Test auf das biologische Alter?
Für die Frage, ob deine Ernährung dein Altern bremst, nach heutigem Stand nicht. Ein kommerzieller Test kann das nicht zuverlässig zeigen. Wenn du trotzdem neugierig bist, helfen drei Fragen vor dem Kauf: Welche Methode und welche Version wird verwendet? Wie groß ist die Messungenauigkeit bei Wiederholung? Und welche Konsequenz hätte ein Ergebnis für dich, die du nicht auch ohne Test ziehen würdest?
Messwerte mit klarer Bedeutung gibt es übrigens schon lange: Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Taillenumfang, Kraft und Ausdauer im Alltag. Sie lassen sich ärztlich bestimmen und einordnen, und für viele von ihnen weiß man, was eine Veränderung bedeutet. Welche Ernährungsmuster in großen Studien mit niedrigerer Sterblichkeit einhergehen, steht im Artikel Longevity; wie man Studien zu solchen Themen liest, im Artikel Ernährungsstudien lesen.
Häufige Fragen
Kann man das biologische Alter kostenlos berechnen?
Online-Rechner auf Basis von Fragebögen gibt es kostenlos. Sie liefern eine Lebensstil-Einschätzung in Jahren, keine Messung. Einen eigenen Rechner bieten wir bewusst nicht an, weil es keinen validierten Maßstab gibt.
Was bedeutet es, wenn mein biologisches Alter höher ist als mein echtes?
Zunächst nur, dass ein bestimmtes Verfahren einen höheren Wert errechnet hat. Ein anderes Verfahren kann zu einem anderen Ergebnis kommen. Eine Lebensdauer-Prognose für dich ist das nicht. Wenn dich das Ergebnis beunruhigt, sprich mit deiner Hausarztpraxis über bewährte Vorsorgewerte.
Welche Ernährung senkt das biologische Alter?
Das ist nicht belegt. Einzelne Studien fanden kleine Veränderungen einzelner Uhren, andere Uhren reagierten nicht. Gut belegt ist dagegen, welche Ernährungsmuster in Kohorten mit niedrigerer Sterblichkeit einhergehen.
Wie oft müsste man testen, um eine Veränderung zu sehen?
Dafür gibt es keine validierte Empfehlung. Weil schon Wiederholungsmessungen derselben Probe um Jahre abweichen können, ist eine Veränderung zwischen zwei Tests schwer von Messrauschen zu unterscheiden.
Quellen und Stand
- Bell CG et al. (2019): DNA methylation aging clocks: challenges and recommendations. Genome Biol 20:249. doi:10.1186/s13059-019-1824-y
- Moqri M et al.; Biomarkers of Aging Consortium (2023): Biomarkers of aging for the identification and evaluation of longevity interventions. Cell 186:3758–3775. doi:10.1016/j.cell.2023.08.003
- Horvath S (2013): DNA methylation age of human tissues and cell types. Genome Biol 14:R115. doi:10.1186/gb-2013-14-10-r115
- Higgins-Chen AT et al. (2022): A computational solution for bolstering reliability of epigenetic clocks. Nat Aging 2:644–661. doi:10.1038/s43587-022-00248-2
- Lu AT et al. (2019): DNA methylation GrimAge strongly predicts lifespan and healthspan. Aging (Albany NY) 11:303–327. doi:10.18632/aging.101684
- Belsky DW et al. (2017/2018): Change in the Rate of Biological Aging in Response to Caloric Restriction: CALERIE Biobank Analysis. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 73:4–10. doi:10.1093/gerona/glx096
- Waziry R et al. (2023): Effect of long-term caloric restriction on DNA methylation measures of biological aging in healthy adults from the CALERIE trial. Nat Aging 3:248–257. doi:10.1038/s43587-022-00357-y
Quellen geprüft bis 01.10.2026.